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Entstehung und Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur in Europa

16.04.2012 11:30 von Bender Jennifer

Wie man die Anfänge der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) zeitlich einordnet, hängt davon ab, ob man von einer zweckfreien KJL ausgeht, wonach ihr Ursprung im 19. Jahrhundert anzusiedeln wäre, oder ob man die pädagogisch und didaktisch verstandenen Bücher sowie die mündliche Erzähltradition mit einbezieht, demzufolge ihre Wurzeln viel weiter in die Vergangenheit hineinreichen (vgl. Fischer, 2006:17).

Bezieht man die pädagogisch und didaktisch verstandenen Bücher mit ein, ist die Entstehung der KJL im 16. und 17. Jahrhundert anzusiedeln. Im Mittelalter und den darauffolgenden Jahrhunderten existierte Kindheit nicht, bzw. wurde nicht als solche angesehen. Der Zyklus des Lebens bestand aus Geburt, Leben und Tod. Darin war kein Platz für eine Kindheit. Die geringe Lebenserwartung und hohe Kindersterblichkeit ließen keine Kindheit zu. (vgl. Shavit, 1986:5 f.). In der Renaissance veränderte sich dieses Bild des Kindes durch „das veränderte Menschenbild (..), sinkende Geburtenzahlen und ein sich wandelndes Zeitverständnis“ (Fischer, 2006:19). Kinder wurden nun als unschuldig, liebreizend und gottesnah angesehen, und das Hauptziel der Erziehung war, „sie vor deren verdorbener Welt zu schützen und sie andererseits auf ein diszipliniertes Leben in ihr vorzubereiten“ (19). Ende des 17. Jahrhunderts entstand das wichtigste Lehrbuch dieser Zeit, der viersprachige (lateinisch-deutsch-italienisch-französisch) Orbis [Sensualium] Pictus von Johann Amos Comenius, der Wissen anhand von Illustrationen vermittelte. Die Werke von John Locke Concerning Human Understanding (1689) und Thoughts Concerning Education (1693) sowie von Jean Jacques Rousseau Emile (1762) waren bedeutsam für das neue Bild von Kindheit und Pädagogik (vgl. Fischer, 2006:19). Besonders die Idee Rousseaus‘, dass Kinder aus ihrer eigenen Erfahrung lernen, wurde von vielen Autoren dieser Zeit übernommen (vgl. Kinnell, 1996:149).

Isabel Pascua Febles hingegen sieht den Ursprung der KJL in den Volksmärchen, die zunächst mündlich überliefert und im 17. und 18. Jahrhundert von französischen und englischen Autoren aufgeschrieben wurden (vgl. Pascua Febles, 1998:17). Doch auch schon in der griechischen und römischen Antike wurde Homers „Ilias“ sowie im Mittelalter Äsops Fabeln zu didaktischen Zwecken als Schullektüre eingesetzt (vgl. Brockhaus, Band 7, 2001:333). In Deutschland wurden die ersten Volksmärchen erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts (1812-1815) von den Gebrüdern Grimm zu Papier gebracht (vgl. Fischer, 2006:19 f.).

Eine weitere Ursprungsquelle der KJL sind die Werke der Erwachsenenliteratur, die seit dem 18. Jahrhundert für Kinder bearbeitet wurden, wie z. B. Robinson Crusoe von Daniel Defoe (1719) oder Gulliver’s Travels von Jonathan Swift (1726). Man spricht oftmals von ihnen als Klassiker der KJL (vgl. Fischer, 2006: 20 und Das aktuelle wissen.de Lexikon, Band 11, 2004:77).

Die ersten literarischen Werke, die tatsächlich für Kinder geschrieben wurden, entstanden im 19. Jahrhundert. Dazu zählen u. a. Nussknacker und Mausekönig von E. T. A. Hoffmann, Alice in Wonderland von Lewis Carroll, Christmas Carol von Charles Dickens und Pinocchio von Carlo Collodis. In den letzten beiden Büchern ist die erzieherische Funktion noch dominant, jedoch teilweise parodistisch verschönert (vgl. Fischer, 2006:20). Marisa Fernández López sieht das 19. Jahrhundert als Ursprung der KJL, da es zwar vorher schon Literatur gab, die Kindern vorgelesen wurde, jedoch keine, die explizit für Kinder geschrieben wurde (vgl. Fernández-López, 1996: 24 und Fischer, 2006:21).

Wichtig für die Verbreitung der KJL waren technische Voraussetzungen, wie die Erfindung des Buchdrucks von Johannes Gensfleisch Gutenberg in Mainz Mitte des 15. Jahrhunderts sowie „die Verbesserung der maschinellen Papierherstellung im 17. und 18. Jahrhundert“ (Fischer, 2006:20). Doch aufgrund des weit verbreiteten Analphabetismus‘ erhöhte sich die Produktion von Druckerzeugnissen nicht bemerkenswert. Erst durch die Einführung der Schulpflicht (1717 in Preußen und 1857 in Spanien) konnten alle Kinder lesen und schreiben lernen. Von Bedeutung war jedoch auch die Abschaffung der Kinderarbeit seit Beginn des 19. Jahrhunderts, da die Kinder dadurch erst die Zeit hatten, sich der Literatur zu widmen (vgl. Fischer, 2006:20 f. und Brockhaus, Band 7, 2001:330 f.).

Quellen:

-          Fernández-López, Marisa, (1996), Traducción y literatura infantil, León, Universidad de León

-          Fischer, Martin, (2006), Konrad und Gurkenkönig jenseits der Pyrenäen. Christine Nöstlinger auf Spanisch und Katalanisch, Frankfurt am Main, Peter Lang GmbH

-          Kinnell, Margaret, (1996), „Early texts used by children“, in: Hunt, Peter, International Companion Encyclopedia of Children’s Literature, London, New York, Routledge, 141-151

-          Pascua Febles, Isabel, (1998), La adaptación en la traducción de la literatura infantil, Gran Canaria, Universidad de las Palmas de Gran Canaria

-          Shavit, Zohar, (1986), Poetics of children’s literature, Athens (Georgia), London, The University of Georgia Press

-          Varnhorn, Beate, (2004), Das aktuelle wissen.de Lexikon, Gütersloh, München, Wissen Media Verlag GmbH

-          Zwahr, Annette, (2006), Brockhaus Enzyklopädie, Leipzig, Mannheim, F. A. Brockhaus AG

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