Äquivalenz und Adäquatheit

Katharina Reiß und Hans J. Vermeer unterscheiden in der Translationswissenschaft die Äquivalenzbeziehung zwischen sprachlichen Zeichen des Ausgangs- und des Zieltextes und die Äquivalenzbeziehung zwischen zwei ganzen Texten. Sie geben zu bedenken, dass bei Bestehen einer Äquivalenzbeziehung zwischen einzelnen sprachlichen Elementen keine Äquivalenzbeziehung zwischen Ausgangs- und Zieltext vorherrschen muss und umgekehrt. Über das Sprachliche hinaus gibt es außerdem kulturelle Äquivalenz (vgl. Reiß / Vermeer, 1991:131). Äquivalenz, also Gleichwertigkeit, ist nur gegeben, wenn die kommunikative Funktion des Originals beibehalten wird (133). Reiß und Vermeer machen hier eine weitere Unterscheidung zwischen Äquivalenz und Adäquatheit. Man übersetzt adäquat, wenn man während des Übersetzungsprozesses konsequent den verfolgten Zweck (Skopos) beibehält und ihn der Zeichenwahl in der Zielsprache überordnet. Äquivalent sind ein Ausgangstext und seine „fertige“ Übersetzung, wenn sie innerhalb ihrer jeweiligen Kultur den gleichen kommunikativen Zweck erfüllen (können) (139 f.). „Äquivalenz ist in unserer Definition Sondersorte von Adäquatheit, nämlich Adäquatheit bei Funktionskonstanz zwischen Ausgangs- und Zieltext“ (Reiß / Vermeer, 1991:140). Äquivalenz ist allerdings ein dynamischer Begriff, da der Ausgangstext zwar einmal geschrieben wurde und somit feststeht, es jedoch viele unterschiedliche Übersetzungen von verschiedenen Übersetzern in unterschiedlichen Zeiten geben kann, die den Ausgangstext (ganz oder teilweise) unterschiedlich interpretieren können (vgl. Reiß / Vermeer, 1991:140). „Über Äquivalenz zwischen Ausgangs- und Zieltext kann man demnach immer nur unter Bezugnahme auf die Entstehungsbedingungen, einschließlich z. B. die Entstehungszeit, – also unter Bezugnahme auf die Translations‚situation‘ einer Übersetzung diskutieren“ (Reiß / Vermeer, 1991:141).

Nach Christiane Nord ist Äquivalenz ein Begriff, der in der Übersetzungswissenschaft sehr unterschiedlich interpretiert wurde und der häufig mit „Treue“ gegenüber dem Original gleichgesetzt wird. Wie auch Reiß und Vermeer fordert sie die Einbeziehung der Translationssituation (vgl. Nord, 2009:24 f.). „Nur wenn diese gegeben und mit den aus der AT-Analyse gewonnenen Informationen über die AT-Situation [Ausgangstext-Situation] vergleichbar sind, könnte eventuell die Herstellung eines äquivalenten oder ‚funktional äquivalenten‘ ZT [Zieltext] eine mögliche Translationsaufgabe sein“ (Nord, 2009:25).

Gideon Toury spricht sich gegen präskriptive Theorien aus, die vorgeben, wie ein Text übersetzt werden muss, um äquivalent zu sein (vgl. Toury, 1995:85). Außerdem führt er den Begriff der Akzeptabilität (acceptability) ein, d. h. man muss sich bei der Übersetzung an den Normen der Zielkultur orientieren (56 f.).

Quellen:

Nord, Christiane, (2009), Textanalyse und Übersetzen, Tübingen, Julius Groos Verlag

Reiß, Katharina; Vermeer, Hans J., (1991), Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie, Tübingen, Gunter Narr Verlag

Toury, Gideon, (1995), Descriptive translation studies and beyond, Amsterdam, Philadelphia: John Benjamins

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