Übersetzer-Portfolio: „Ausstellung“ sprachlicher Arbeiten

Ein Portfolio kennen viele aus dem Designbereich. Maler, Grafiker oder Fotografen zeigen ihre Arbeiten in einem Portfolio, um künftigen Kunden zu zeigen, welche Bildsprache sie bieten. Ein Portfolio ist somit eine Art Bewerbungsmappe und ermöglicht einen Überblick über die eigene Arbeit. Im Sprachbereich werden Arbeitsproben auch immer wieder gefordert, aber eine übersichtliche Zusammenstellung als Übersetzer-Portfolio ist noch eher selten.

Für Übersetzer: Portfolio als Bewerbungsmappe

Referenzen sind wichtig und im beruflichen Umfeld beliebt. Ein Portfolio meint aber nicht die wohlmeinende Empfehlung eines Kunden, sondern im Fall von Übersetzern explizit konkrete Übersetzungen – im Idealfall mit Gegenüberstellung von Ausgangstext und dem Ergebnis in der Zielsprache.

Potenzielle Auftraggeber sehen so direkt, was sie erwarten könnte und können anhand echter Übersetzungen einschätzen, inwiefern eine Zusammenarbeit denkbar ist. Dabei kann ein Portfolio online angelegt werden, beliebter ist aber eine physische Version, die beispielsweise auf Messen oder anderen Events ausgelegt wird.

Viele Übersetzer nutzen das Portfolio auch als Ersatz für Probeübersetzungen bei neuen Auftraggebern – Kritiker sagen jedoch, dass ein Portfolio Zeitverschwendung sei und an Probearbeiten kein Weg vorbei führe.

Übersetzer-Portfolio anlegen

Ein Übersetzer-Portfolio sollte aus bewusst ausgewählten Arbeiten bestehen, die das eigene Können und die wichtigen Fachkenntnisse zeigen. Neben regulären Übersetzungen können auch Broschüren oder Flyer in der Druckversion oder „halbfertige“ Arbeiten können gezeigt werden, um Schritte im Übersetzungsprozess zu zeigen. Halbfertige Arbeiten können beispielsweise Anmerkungen oder Rückfragen für den Auftraggeber beinhalten, um die eigene Arbeitsweise darzustellen.

Wichtig ist, dass die Kunden der präsentierten Arbeiten eine Einverständniserklärung abgegeben haben. Sie müssen dabei nicht namentlich als Auftraggeber einer bestimmten Übersetzung genannt werden, es ist auch eine Anonymisierung der Übersetzung möglich.

Referenzen oder Kundenstimmen können ein Portfolio abschließend ergänzen, die Übersetzungen selbst sind aber am wichtigsten.

Portfolio bereitstellen

Sind die repräsentativen Arbeiten für das Portfolio ausgewählt, stellt sich auch die Frage, ob es digital oder sogar online bereitgestellt werden kann (und soll) oder ob es lediglich eine Printversion gibt, die bei Bedarf ausgehändigt wird?

Einige Kunden scheuen sich vor der Darstellung in einer Onlinepräsenz, Übersetzer haben zudem Bedenken, ihre Arbeiten so öffentlich auszustellen.

Ein gedrucktes Portfolio in einer Mappe lässt sich hingegen wunderbar auf Fachveranstaltungen mitnehmen und die Inhalte problemlos austauschen. Gerade, wer seine Webseite nicht selbst betreut oder nicht weiß, wie ein digitales Portfolio professionell angelegt wird, kann so schnell und einfach Texte austauschen und an die Zielgruppe anpassen.

Sich selbst zeigen

Jedes Portfolio sollte auch ein Deckblatt beinhalten, auf dem sich der Übersetzer oder die Übersetzerin vorstellt: Sprachen, Fachgebiete Ausbildung und Kontaktdaten sind hier wichtige Punkte, aber auch ein Foto kann dabei helfen, wiedererkannt zu werden.

Als Grundlage kann eine gekürzte Version der „Über Mich“-Seite der eigenen Webseite dienen. Wichtig sind kurze, knackige Sätze oder Stichpunkte, denn beim Portfolio sollen die Arbeiten im Vordergrund stehen.

Für Kollegen & Auftraggeber: Portfolios „richtig“ lesen

Wer als Auftraggeber oder interessierter Kollege ein Übersetzer-Portfolio sieht, sollte ebenfalls wissen, wie er damit am besten umgeht.

Ein Portfolio ist eine Sammlung tatsächlicher Arbeiten, zeigt also das, was Übersetzer wirklich können. Es geht hier nicht um kurze oder gar kostenlose Arbeitsproben, sondern darum, sich ein Bild von den Fähigkeiten, der Arbeitsweise und dem Stil von Übersetzern zu machen. Leser können auch sehen, welche Fachrichtungen ein Übersetzer beherrscht oder welche für welche Textsorten er oder sie in Frage käme.

Insofern sind Portfolios nicht nur für mögliche Kunden oder Agenturen interessant, sondern auch für Übersetzerkollegen. Wer ein bestimmtes Feld nicht selbst bedienen kann oder einen Auftrag aus zeitlichen Gründen nicht selbst ausführen kann, findet durch ein gutes Portfolio vielleicht neue Kontakte und Kollegen, mit denen eine Zusammenarbeit dauerhaft denkbar ist.

Arbeitsproben & Testübersetzungen

In vielen Bereichen lässt sich ein standardisierter Test für neue Übersetzer oder eine Probeübersetzung nicht durch ein Portfolio ersetzen. Ein Portfolio kann aber dabei helfen, den Übersetzer besser kennenzulernen und gezielt anzusprechen, wenn es um Aufträge bestimmter Fachbereiche geht.

Übersetzer-Portfolio: Ja oder nein?

Ob sich ein Portfolio für Übersetzerinnen und Übersetzer lohnt, sollte im jeweiligen Einzelfall gründlich überlegt werden. Denn ein gutes Portfolio braucht etwas Zeit und Einsatz. Wird es der richtigen Zielgruppe im passenden Moment vorgelegt, können sich daraus aber fruchtbare Kontakte und Aufträge ergeben.

Wer jedoch ohnehin einen festen Kundenstamm hat oder neue Kunden über Empfehlungen erhält, findet seltener eine passende Gelegenheit, ein Portfolio vorzuzeigen.

Literatur:

Andrea Bernard: „Portfolios für Übersetzer: Zeigt her eure Arbeiten“ in MDÜ 1/20, S. 20-22.

Corinne McKay: „Do translators need portfolios?“, abgerufen unter https://www.trainingfortranslators.com/2017/04/17/translator-portfolios/.

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