Die deutsche Micky Maus

Wenn wir heute in E-Mail- oder SMS-Nachrichten auf den Wortstamm reduzierte Verben verwenden, um unseren aktuellen Gemütszustand zu unterstreichen, haben wir das nur einer Person zu verdanken: Erika Fuchs (1906-2005) übersetzte mehr als fünf Jahrzehnte lang die legendären „Micky Maus“-Hefte und „Lustigen Taschenbücher“ – und prägte Begriffe wie „seufz“, „ächz“ oder „grübel“.

Wie so vieles wurde auch das Micky Maus-Heft zunächst vom Bildungsbürgertum stark kritisiert und für das Verkommen der deutschen Sprache verantwortlich gemacht. Schon ein paar Jahre später lobten eben diese Leute die sprachliche Kreativität und das Stilbewusstsein von Frau Fuchs in den höchsten Tönen und sprachen sogar von einem Klassiker der Literatur. Sie selber hat dazu einmal gesagt: „Man kann gar nicht gebildet genug sein, um Comics zu übersetzen.“.

Denn neben mittlerweile allseits bekannten Zitaten wie Daniel Düsentriebs „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“ entwickelte die Übersetzerin – ganz unabhängig vom amerikanischen Original – für alle Figuren ihre eigene Art zu reden. So zitiert Donald gerne mal – auf seine eigene Art und Weise – Klassiker, um sein angekratztes Ego aufzupolieren: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr!“, während Tick, Trick und Track meistens in unvollständigen und kindlichen Sätzen reden. Und der reiche Onkel Dagobert stellt seine Bildung gerne durch Zitate unter Beweis. Dies ist ein Beispiel dafür, dass es sich bei dem Werk von Erika Fuchs mehr um eine sinngemäße Übertragung oder Adaptation handelt als um eine (am Ausgangstext klebende) Übersetzung. Sogar Carl Barks, ihr Lieblingszeichner und Donald-Erfinder, lobte ihre Arbeit.

Für sprachliche Disziplin und Stilbewusstsein sorgen jedoch auch die deutschen Redakteure. So sind gewisse Tabus nicht zu brechen: In keinem Micky Maus-Comic sind religiöse Anspielungen, Gossensprache, Sprüche unter der Gürtellinie oder sexuelle Anspielungen zu finden. Die Sprache ist zwar modern und jugendsprachlich, biedert sich der Zielgruppe jedoch nicht an.

Durch ihren Mut, ihre Kreativität und ihren Wortwitz wurde Erika Fuchs zu einer Übersetzerikone, die aus sogenannter „Verdummungsliteratur“ einen Klassiker erschuf – der Traum eines jeden Übersetzers.

Quellen:

http://www.kindercampus.de/114.0.html?[&]tx_bitmultiteaser_pi1%5BCMD%5D=single[&]tx_bitmultiteaser_pi1%5Buid%5D=321

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,353354,00.html

http://www.welt.de/vermischtes/article667424/Seufz_Micky_Maus_Uebersetzerin_tot.html

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