Kinderdolmetschen: Was ist das & warum steht es in der Kritik?

Wer sich in einem Land aufhält, dessen Sprache er nicht spricht, hat es oft schwer. Wo der Einkauf noch gelingt, wird es bei Arztterminen, in Behörden, bei der Bank, beim Notar oder auch in Schulen und Kindergärten fast unmöglich. Denn hier wird viel kommuniziert – und das oft über das Alltagsvokabular hinaus. Einen Dolmetscher nutzt in diesen Fällen aber kaum jemand. Stattdessen wird häufig auf jüngere Familienmitglieder – oft sogar Kinder – zurückgegriffen, die für die Erwachsenen dolmetschen. Gelernt haben sie das nicht, sie sind in diese Rolle hineingewachsen. Auch wenn dieses Vorgehen praktisch klingt, birgt es doch große Gefahren, sodass der BDÜ fordert, das Kinderdolmetschen abzuschaffen.

Was sind Kinderdolmetschen & Community Interpreting?

Beim Kinderdolmetschen werden Kinder und Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund als Sprachmittler „eingesetzt“. Sie dolmetschen zwischen Familienmitgliedern wie Eltern oder Großeltern und weiteren Personen. Oft wird in diesem Zusammenhang auch der Begriff „Community Interpreting“ genutzt.

Typisch ist dabei:

  • Die Gesprächsteilnehmer verfügen über unterschiedliches Wissen
  • Die Gesprächsteilnehmer stehen auf verschiedenen Machtebenen
  • Community Interpreter erhalten kein Geld für ihre Tätigkeit
  • Community Interpreter sind üblicherweise Laien
  • Community Interpreter sind nicht zwingend neutral

Nicht alle Community Interpreter sind Kinder und Jugendliche – bei manchen Ärzten gibt es beispielsweise zweisprachiges Fachpersonal, das ebenfalls nicht im Dolmetschen ausgebildet ist, aber Dolmetschtätigkeiten übernimmt.

Welche Vorteile hat das Kinderdolmetschen?

Kinderdolmetschen wäre nicht so populär, wenn damit nicht gravierende Vorteile verbunden wären. Wenn die Termine so gelegt werden, dass kein Kind in der Schule fehlt, klingt dieses Vorgehen erst einmal praktisch. Schließlich ist es doch auch gut, wenn jemand Vertrautes dolmetscht?

Der Einsatz von Kinderdolmetschern ist mit keinen bürokratischen Hürden verbunden, da kein externer Dolmetscher angefordert werden muss und auch keine Kosten anfallen. Es entstehen keine zusätzlichen Fahrzeiten und Termine können auch spontan wahrgenommen werden.

Diese Risiken bestehen beim Dolmetschen durch Kinder

Professionelle Dolmetscher beherrschen nicht nur mindestens zwei Sprachen, sondern müssen auch über eine gute Allgemeinbildung und kulturelle Kompetenzen beider Sprachräume verfügen. Dazu kommen häufig auch bestimmte Fachgebiete, in deren Terminologie sie besonders geschult sind. Außerdem wissen sie, welche Arbeitsmittel sie wie einsetzen können und verhalten sich der Situation angemessen, bewahren beispielsweise im medizinischen Umfeld Neutralität. Sie behandeln die ihnen bekannt gewordenen Inhalte darüber hinaus vertraulich.

Familienangehörige können befangen sein. Gerade im medizinischen Kontext sind einige Fragen vielleicht sogar peinlich und werden darum wenig genau übersetzt – oder es fehlt schlicht das Vokabular. Auch, wenn Kinder und Jugendliche nicht wissen, wie sich die Rechtssysteme unterschiedlicher Länder gestalten oder bürokratische Fachbegriffe nicht verstehen, können sie nicht als kompetente Dolmetscher agieren. Das birgt unabsichtlich finanzielle und gesundheitliche Risiken, belastet aber auch die entsprechenden Community Interpreter, weil sie oft mit Inhalten konfrontiert werden, die eigentlich nicht altersgemäß sind.

Umkehr der Elternrolle

Während es üblicherweise die Aufgabe der Eltern ist, ihren Kindern die Welt zu erklären und zu zeigen, vertauschen sich die Rollen im Fall der Kinderdolmetscher. Kinder und Jugendliche müssen eine ungeahnte Verantwortung übernehmen und ihren Angehörigen die fremdsprachige Welt erklären. Diese Parentifizierung kann durchaus negative Konsequenzen haben, auch wenn die Erhebung in die „Welt der Erwachsenen“ anfangs mit Stolz einhergehen kann.

Doch auch für die Eltern kann es mitunter unangenehm und peinlich sein, sich auf das eigene Kind verlassen zu müssen.

Einschränkung der Menschenrechte

Der Schutz der Patientenrechte oder die Wahrnehmung der Teilhabe Bedürftiger ist Teil der Menschenrechte, wie der BDÜ in seinem Positionspapier zum Kinderdolmetschen herausstellt. Durch den Einsatz von Kinderdolmetschern, die nicht entsprechend qualifiziert sind, würden diese Menschenrechte eingeschränkt.

Lösungsvorschläge fürs Community Interpreting

Das Übersetzen für die eigenen Familienmitglieder kann lästig, belastend oder gefährlich sein – es gibt aber durchaus Dolmetscher, die so den Eintritt in ihren Beruf gefunden haben und von Kindesbeinen an in diese Rolle hineingewachsen sind. Egal, ob im Anschluss eine Dolmetschausbildung folgt oder sie schlicht weiter in der Community als Laiendolmetscher unterwegs sind, ist diese Tätigkeit für Erwachsene aber besser auszuführen als für Kinder, weil sie Situationen besser einschätzen, ihre Emotionen besser kontrollieren und aufgeklärter mit von Scham behafteten Themen umgehen können.

Problematisch ist aber vor allem auch der wirtschaftliche Faktor: Überall dort, wo eine gute Kommunikation durch Institutionen sichergestellt werden müsste, sollte auch eine angemessene Bezahlung für die Dolmetschtätigkeit vorliegen. Hier sind aber auch entsprechende Qualifikationen des Dolmetschers zu erwarten, damit die Kommunikation auf Augenhöhe stattfinden kann.

Da Termine, bei denen Dolmetscher sinnvoll sind, vor allem nach Terminvereinbarung stattfinden, ist das Hinzuziehen eines qualifizierten Sprachmittlers zwar eine organisatorische Herausforderung, aber zeitlich und planerisch machbar. Sogar in Notfällen, beispielsweise im Krankenhaus, könnten Dolmetscher per Telefon oder Video (Ferndolmetschen) hinzugezogen werden. Eine angemessene Vergütung sorgt darüber hinaus für eine gesteigerte Attraktivität der Tätigkeit. Hier sind aber vor allem die Behörden in der Pflicht, Minderjährige nicht mehr als qualifizierte Sprachmittler anzuerkennen und entsprechend für den Einsatz von Fachkräften zu sorgen.

In anderen Ländern wie Guatemala ist das Kommunaldolmetschen aufgrund des geringen spanischsprechenden Anteils in der indigenen Bevölkerung normal, zudem gibt es teils auch echte Ausbildungsprogramme für das Community Interpreting mit einer geringeren Zugangsschwelle als eine „echte“ Dolmetschausbildung.

 

Quellen:

Dr. Şebnem Bahadır (2013): „Montagskonferenz: ‚Von Kinderdolmetschern zu Fachdolmetschern‘, abgerufen unter https://silo.tips/download/von-kinderdolmetschern-zu-fachdolmetschern-professionalisierung-von-dolmetschdie, zuletzt am 19.05.2022.

Annette Rauh (2016): „Kinder und Jugendliche als Dolmetscher“, abgerufen unter https://core.ac.uk/download/pdf/51449407.pdf, zuletzt am 19.05.2022.

Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (2021): „Positionspapier: Kinderdolmetschen / Stand: Februar 2021“ abgerufen unter https://bdue.de/fileadmin/files/PDF/Positionspapiere/BDUe_PP_Kinderdolmetschen_2021.pdf, zuletzt am 19.05.2022.

Reinhard Pohl (2011): „Kinderdolmetscher und richtige Dolmetscher“, abgerufen unter https://gegenwind.info/269/grbic.html, zuletzt am 19.05.2022.

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