Regionalsprache als Muttersprache: Zwischen Dialekt und Zweitsprache

Rund 18 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sprechen zu Hause vorrangig eine andere Sprache als Deutsch (Quelle: Süddeutsche Zeitung). Meist handelt es sich dabei um Familien mit Migrationshintergrund, nur selten ist es eine bewusste Wahl deutschsprachiger Eltern, die ihren Kindern von Beginn an mehr Internationalität ermöglichen möchten. Doch neben dieser offensichtlichen Zwei- oder Mehrsprachigkeit gibt es – heute zugegeben zunehmend weniger – Kinder, die mit einer deutschen Regionalsprache als Muttersprache aufwachsen – und viele, die Dialekt sprechen. Wir zeigen heute, was das für Übersetzungen bedeuten kann.

Niederdeutsche Varianten: Plattdeutsch

In vielen Familien Norddeutschlands war es bis in die 1950er Jahre hinein normal, zu Hause „platt“ zu sprechen. Gemeint ist mit „Plattdeutsch“ aber keine einheitliche Sprache, sondern diese Bezeichnung fasst viele niederdeutsche Dialekte zusammen. Im Rahmen der Europäischen Charte der Regional- oder Minderheitensprachen wurde in Deutschland das Niederdeutsche neben z. B. dem Friesischen und Sorbischen als Regionalsprache anerkannt und soll auch Förderung erhalten.

Das geschieht als bewusste Entscheidung im privaten Rahmen, wenn Eltern Plattdeutsch an ihre Kinder weitergeben, aber es gibt auch Schulen, an denen Unterricht oder AG zum Erlernen oder Vertiefen der plattdeutschen Sprache angeboten werden.

Sprache oder Dialekt?

Wo eine eigenständige Sprache anfängt und ein Dialekt aufhört, ist als Grenze manchmal gar nicht so einfach zu bestimmen. Es gibt einige formale Regeln, nach denen eine Einteilung einer sprachlichen Varietät in Sprache oder Dialekt vorgenommen werden kann, allerdings gibt es hier durchaus unterschiedliche Sichtweisen.

Merkmale zur Einteilung von Sprachen & Dialekten:

  • Standardisierung: Gibt es in einem Sprachraum einheitliche Regeln für die Sprache?
  • Schreibung: Wurden Regeln für Rechtschreibung und Grammatik festgelegt?
  • Verständigung: Gibt es im Sprachraum scharfe Grenzen, die eine Verständigung unmöglich machen?
  • Kontinuität: Gibt es einen fließenden Übergang zwischen Dialekten innerhalb eines Sprachraums?

Auch für das heutige Standarddeutsch gab es allerdings lange keine festgelegten Regeln. Zusätzlich gibt es heute viele Menschen, die ihren Dialekt bewahren möchten und sich daher einer Verschriftlichung der Regeln und Eigenheiten verschrieben haben, sodass auch Dialekte mehr und mehr standardisiert werden. Daher gibt es mittlerweile sogar direkte Dialekt-Übersetzer, die beispielweise Hochdeutsch-Plattdeutsch übersetzen. Oft handelt es sich aber weiterhin – wie auch beim Plattdeutschen – um eine Sprachvariante, die im privaten Bereich, etwa in der Familie oder im Dorf, genutzt wird.

Dialekt beruflich nutzen?

Wer beruflich viel im deutschen Sprachraum unterwegs ist, bemüht sich nämlich oft, seinen Dialekt nicht zu sehr rausklingen zu lassen. Mal gelingt das mehr, mal weniger, aber grundsätzlich lässt sich beobachten, dass wir uns sprachlich unseren Mitmenschen anpassen. Wer Dialekt spricht, kann manchmal – je nach Umfeld – zwischen diesem und der Hochsprache hin- und herwechseln und so Verstehen und Sympathie fördern.

Teilweise wird aber auch im beruflichen Kontext nicht mehr versucht, seine sächsischen, bayrischen oder rheinischen (Sprach-)Wurzeln zu verstecken. Regionalsprache wird so zum Sympathieträger und Wiedererkennungsmerkmal in einer globalisierten Welt: Mitarbeiter einer Hamburger Speditionsfirma melden sich am Telefon vielleicht mit „Moin“ oder die Berliner Kaffeemanufaktur berlinert auch in E-Mails?

Dialekt ist schon lange kein Karrierekiller mehr – allerdings gibt es hier von Dialekt zu Dialekt und von Branche zu Branche durchaus Unterschiede.

Regionalsprachen und Übersetzung

Regionalsprachen zu übersetzen kann schwierig sein – dafür ist es allerdings wichtig, Ausgangs- und Zielsprache sowie den Zweck der Übersetzung zu beachten. In der Literatur können regionale Färbungen einen Charakter ausmachen und müssen daher vom Übersetzer besonders beachtet und bedacht werden.

Doch auch im wirtschaftlichen Kontext kann eine Übersetzung in eine bestimmte regionale Variante einer Sprache entscheidend sein: Wendet sich eine Firma an Endkunden aus der Schweiz, sind ein Werbeslogan oder eine Produktbeschreibung auf Schwiizerdütsch unabdingbar, um authentisch zu wirken und erfolgreiches Marketing zu betreiben.

Darum können Sie bei LEGINDA auch auswählen, ob Sie eine Übersetzung ins Deutsche für Deutschland, Österreich oder die Schweiz benötigen – oder aus der jeweiligen Variante. Das gilt ebenfalls für Englisch, Französisch oder Spanisch sowie viele weitere Sprachen, denn auch hier gibt es je nach Land oder Sprachregion große Unterschiede im Vokabular oder der Grammatik.

Sprache erschafft immer wieder Identität und wird sogar bewusst als Werbemaßnahme genutzt. Damit diese Aspekte auch bei einer Übersetzung berücksichtigt werden können, helfen ein Glossar, ein Language Style Guide oder eine gut dokumentierte Translation Memory, um Ihre Geschäftspartner und Kunden dauerhaft wiedererkennbar anzusprechen. Probieren Sie es aus und sprechen Sie uns bei Fragen gerne an!

 

Quellen:

Astrid Adler, Christiane Ehlers, Reinhard Goltz, Andrea Kleene, Albrecht Plewnia: “Status und Gebrauch des Niederdeutschen 2016. Erste Ergebnisse einer repräsentativen Erhebung“, Institut für Deutsche Sprache und Institut für niederdeutsche Sprache, 2016.

Carolin Eckenfels: „‘Platt ist meine Muttersprache‘“ in Welt Print, 14.9.2010, abgerufen unter https://www.welt.de/welt_print/regionales/article9625582/Platt-ist-meine-Muttersprache.html zuletzt am 25.04.2022.

Bernd Kramer: „Vor allem bei jüngeren Kindern wird zu Hause wenig Deutsch gesprochen“, Süddeutsche Zeitung, 5.2.2021, abgerufen unter https://www.sueddeutsche.de/politik/zuwanderung-fremdsprachigkeit-bildung-1.5197666 zuletzt am 25.04.2022.

Stefan Mayr: „Nie wieder schwäbeln“, Süddeutsche Zeitung, 24.3.2017, abgerufen unter https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sprachtraining-nie-wieder-schwaebeln-1.3434776, zuletzt am 25.04.2022.

Gábor Paál: „Wann gilt ein Dialekt als eigenständige Sprache?“, SWR, 16.12.2021, abgerufen unter https://www.swr.de/wissen/1000-antworten/wann-gilt-ein-dialekt-als-eigenstaendige-sprache-100.html, zuletzt am 25.04.2022.

Eva Wolfangel: „So klingt Sympathie“, Spektrum.de, 21.12.2012, abgerufen unter https://www.spektrum.de/news/so-klingt-sympathie/1179361, zuletzt am 25.04.2022.

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