Übersetzen – ein kreativer Prozess?

Ob es sich beim Übersetzen um einen kreativen Prozess handelt, lässt sich nicht lapidar mit ja oder nein beantworten. Unter Kreativität versteht man schöpferisches Handeln. Darüber, dass ein Schriftsteller oder Autor, der einen Text (beispielsweise ein Buch) neu und aus seinen eigenen Ideen heraus produziert, kreativ tätig ist, ist unumstritten. Ob dies auch auf die Anfertigung einer Übersetzung zutrifft, muss allerdings näher beleuchtet werden, da bereits zuvor bei der Herstellung des Ausgangstextes ein kreativer Prozess stattgefunden hat.

Jeder Übersetzer weiß aus seinem Berufsalltag und/oder seiner Ausbildungszeit, dass es Texte gibt, die man ohne große Mühe, ohne viel nachzudenken und ohne Wörterbücher oder Sekundärliteratur zu Rate zu ziehen innerhalb kurzer Zeit „herunter übersetzen“ kann. Auf der anderen Seite sitzt man manchmal eine halbe Ewigkeit an einem einzigen Satz, weil es auf den ersten (und vielleicht auch zweiten) Blick keine zielsprachliche Entsprechung gibt oder weil er „unübersetzbar“ ist, bzw. erscheint. In solch einem Fall löst sich der Übersetzer ein Stück weit vom Ausgangstext, behält den Sinn im Hinterkopf und formuliert in der Zielsprache schließlich neu. Geht man von oben genannter Definition aus, kann man folglich die These aufstellen, dass ein Übersetzer dann kreativ arbeitet, wenn er gezwungen wird, sich (mehr oder weniger) vom Ausgangstext zu lösen und etwas Neues zu schaffen, da die originale Formulierung, beispielsweise aus kulturellen oder sprachlichen Gründen, nicht „funktioniert“. Dies kann natürlich auch in kurzer Zeit vonstattengehen, wenn der Übersetzer einen Geistesblitz hat oder Übung darin hat, weil er z. B. regelmäßig für denselben Kunden dieselbe Art von Text mit demselben Themengebiet übersetzt. Umgekehrt kann eine Übersetzung, die keine große schöpferische Fähigkeit verlangt, sehr lange dauern, weil sich der Übersetzer in dem Themengebiet nicht auskennt, viel Fachvokabular nachschlagen und sich einlesen muss.

Als nächstes kommt die Frage auf, ob die schöpferische Tätigkeit von der Textsorte abhängt. Während z. B. bei technischen Texten das Vokabular und die Formulierung weitestgehend vorgegeben sind, wird vom Übersetzer bei literarischen Texten eher verlangt, sich vom Ausgangstext zu lösen und schöne klingende Formulierungen in der Zielsprache zu finden, damit diese für das Zielsprachenpublikum „natürlich“ klingen. Doch auch hier gibt es Einschränkungen und es hängt vielleicht auch davon ab, welche, wie viele und wie detaillierte Vorgaben der Auftraggeber stellt.

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