Wenn man den Holzweg vor lauter Bäumen nicht sieht

Jede Sprache bringt ihre Sprichwörter und Redensarten mit sich. Diese spielen in geschäftlichen Texten selten eine Rolle, sind aber überall dort wichtig, wo (Umgangs-) Sprache gesprochen wird. Das kann sowohl bei Reden und Ansprachen der Fall sein als auch in literarischen und journalistischen Texten, außerdem in Film und Fernsehen. Sprichwörter bringen Sachverhalte auf den Punkt, vereinfachen sie häufig.

Für Übersetzer stellen Sprichwörter und Redensarten aus mehreren Gründen eine besondere Herausforderung dar. Zunächst gilt es, sie überhaupt als solche zu erkennen und nicht aus Unwissenheit zu übersehen. In solchen Fällen setzt nämlich die zweite Besonderheit ein: Nur selten lassen sich Sprichwörter wörtlich in die Zielsprache übersetzen. Oft gibt es zwar eine Entsprechung für den gleichen Sachverhalt, dieser muss aber nicht unbedingt mit dem gleichen Bild arbeiten.

Ein Beispiel für unterschiedliche Bilder ist der Holzweg, auf dem man sich im Deutschen befindet, wenn man sich verirrt hat – örtlich oder gedanklich. Die genaue Herkunft des Begriffes geht vermutlich auf Wege zurück, die nur für Transporte und nicht für Wanderer gedacht waren und deshalb nicht zum Ziel führten. Seit dem 15. Jahrhundert wird der Begriff bereits im heute noch geläufigen übertragenen Sinne verwendet.

Im Englischen jedoch sieht es anders aus: Hier ist man keinesfalls auf dem „wood way“, sondern wird zum Hund. Wer hier nicht das richtige Ziel verfolgt, bellt nämlich – wörtlich übersetzt – den falschen Baum an. Der Ausdruck „barking up the wrong tree“ wird seit dem 19. Jahrhundert in diesem Zusammenhang verwendet.

Für Übersetzer ist es also wichtig, den Überblick über ihre Sprichwörter nicht zu verlieren. Denn wenn sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, ist vielleicht bald aller Tage Abend

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