Zwischen Übersetzung und Zensur

Bei der Übersetzung eines Textes reicht es oft nicht aus, nur die Wörter und die Grammatik zu übertragen. In vielen Fällen werden Kulturspezifika oder andere Details verändert, um eine höhere Relevanz für den Leser zu schaffen. Ein Beispiel ist die Jugendbuchreihe „Hanni und Nanni“, deren Handlung durch komplette Lokalisierung vom England der 1940er Jahre ins Deutschland der 1960er Jahre verlegt wurde. Ähnlich erging es Aldous Huxleys berühmten Roman „Brave New World“: Als er 1932 erstmals von Herberth E. Herlitschka ins Deutsche übertragen wurde, entschied dieser, die komplette Geschichte auf deutsche Boden zu verlegen.

Neben dem Wunsch nach mehr lokalem oder kulturellem Bezug kann auch ein unterschiedliches Set von Werten und Normen Anlass zu größeren Anpassungen sein. Ein Beispiel ist das Thema der politischen Korrektheit, wie im Falle der schwarzen Schlümpfe, die in der englischen Fassung lila wurden. Weitere Gründe für Anpassungen können unterschiedliche moralische Vorstellungen oder die individuelle Situation eines Kulturraums sein.

Doch die Grenze zwischen notwendiger Anpassung und Zensur eines Originalstoffes ist fließend. Lokalisierung wie im Beispiel von „Brave New World“ mag zwar im direkten Vergleich zum Original irritieren, ändert aber an der Grundaussage der Geschichte nichts. Dasselbe gilt für die Schlümpfe: Die violetten Schlümpfe in Amerika verhalten sich wie ihre schwarzen Kollegen in Europa. Aber das ist nicht immer der Fall.

Ein Beispiel ist die Bearbeitung der japanischen Anime-Serie „Sailor Moon“ für den amerikanischen Markt. Neben zahlreichen Kürzungen des Bildmaterials wurden beispielsweise alle Hinweise auf Homosexualität entfernt. So wurden bei einigen Charakteren sogar die Geschlechter geändert, um sie als heterosexuelle Paare darzustellen. Fast schon unauffällig wirkt im direkten Vergleich die Entfernung japanischer Kulturspezifika wie beispielsweise diverser Schriftzeichen.

Fans der Serie stehen dieser Bearbeitung kritisch gegenüber. Aus Sicht der Übersetzung muss sich ebenfalls die Frage gestellt werden, ob weitreichend Anpassungen gerechtfertigt sind. Natürlich ist Lokalisierung und eine allgemeine Anpassung an kulturelle Vorgaben wichtig und oft sogar notwendig – ob und in welchem Ausmaß sie umgesetzt wird, kann jedoch nur individuell von Fall zu Fall entschieden werden.

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