Geschichte des Übersetzens Teil 2 – Mittelalter, Renaissance und Reformationsvater Martin Luther

In der Zeit vom Altertum bis ins Mittelalter dienten die Übersetzer als Wissensvermittler zwischen den Zivilisationen, wobei in unterschiedlichen Epochen bestimmte Städte eine besondere Bedeutung erfuhren. Um 300 v.Chr. war es die ägyptische Stadt Alexandria, in der Übersetzungen zwischen Europa, dem Mittleren Osten und Indien vermittelten. Vom 9. bis zum 10. Jahrhundert fertigten Gelehrte in Bagdad Übersetzungen wissenschaftlicher und philosophischer Abhandlungen aus dem Griechischen ins Arabische an, die im Laufe der Zeit ihre Originale ersetzten und im 12. Jahrhundert in Toledo wiederum ins Lateinische übersetzt wurden. In dieser „Schule von Toledo“ wurden neben arabischen auch griechische wissenschaftliche und philosophische Werke ins Lateinische, und ab dem 13. Jahrhundert hauptsächlich ins Spanische, übersetzt. Dabei handelte es sich v. a. um Texte aus den Gebieten Medizin, Mathematik, Astrologie und Astronomie (vgl. Snell-Hornby, Hönig, Kußmaul, Schmitt, 2005:40 f.). Dieser Wissenstransfer trug maßgeblich zum Aufbau der spanischen Kultur bei und „hatte eine Erweiterung des Wissens und die Herausbildung eines umfassenderen Weltbildes zur Folge“ (41).

Die Renaissancebewegung entstand im 14. Jahrhundert in Italien und dehnte sich im 15. Und 16. Jahrhundert bis in den Norden Europas aus. Diese Zeit war geprägt von neuen Ideen, Entdeckungen und Erfindungen sowie einem neuerwachten Interesse an Sprachen und Literatur. Dieser Wissenshunger – der nicht mehr ausschließlich von den Gelehrten ausging – konnte nur mithilfe von Übersetzungen gestillt werden. Doch neben den ganzen Neuerungen herrschte auch ein wachsendes Interesse an der ursprünglichen (griechischen und hebräischen) Version der Bibel. Jahrhundertelang galt die Vulgata von Hieronymus als Grundlage der katholischen Kirche. Es ist besonders widersprüchlich, dass die katholische Kirche nun die Übersetzung der Bibel, und sakraler Texte im Allgemeinen, ablehnte, da die Vulgata selbst eine Übersetzung der ursprünglichen Bibelfassung war. Martin Luther (1483-1546) nahm also als Begründer der Reformation ein großes Risiko auf sich. Seine Bibelübersetzung, an der er von 1521 bis 1534 arbeitete, war die erste aus dem hebräischen und griechischen Original, ließ die Vulgata jedoch nicht völlig außer Acht. Gelehrte sowie Spezialisten bestimmter Fachgebiete halfen ihm beim Verständnis bestimmter Fachtermini. Dass sich bereits andere an der Bibelübersetzung versucht hatten, zeigte, wie sehr das Volk eine Bibel in seiner Muttersprache brauchte. Neben der maßgeblichen Bedeutung für die institutionalisierte Religion hatte die Lutherbibel einen immensen Einfluss auf Sprache und Übersetzung, der sich über die deutschen Grammatiken des 16. Jahrhunderts bis zu Grimms Wörterbuch im 19. Jahrhundert nachverfolgen lässt. Doch auch noch heute ist sein Sprachstil – Klarheit, Verständlichkeit, Einfachheit und Lebendigkeit – Vorbild für einen guten Sprachgebrauch (41 f.).

Quelle:

Snell-Hornby, Mary; Hönig, Hans G.; Kußmaul, Paul; Schmitt, Peter A., (2005), Handbuch Translation, Tübingen, Stauffenburg Verlag Brigitte Narr GmbH

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